634 Millionen Dollar operativer Cashflow. Das ist der Betrag, den Coherent Corp. im Geschäftsjahr 2025 erwirtschaftet hat – ein deutliches Plus gegenüber den 546 Millionen Dollar im Vorjahr. Die Aktie steht bei 307,50 Dollar. Die Frage ist nicht mehr, ob die Rallye stattgefunden hat. Die Frage ist, ob die operative Maschine unter der Haube den aktuellen Kurs rechtfertigt.
Alles bei Coherent dreht sich aktuell um eine zentrale Variable: Ist die Rückkehr zur operativen Profitabilität strukturell oder nur zyklisch? Umsatzwachstum, die Positionierung bei Siliziumkarbid (SiC), das Upgrade von JP Morgan – das sind alles nachgelagerte Effekte. Wenn die Profitabilitätswende strukturell ist, ist der aktuelle Kurs verteidigbar. Ist sie nur ein Auswuchs eines Nachfragezyklus, ist die Aktie schlicht zu teuer.
Das Argument für die strukturelle Wende ist glaubwürdig. Laut Geschäftsbericht schaffte Coherent den Sprung von einem Nettoverlust von 159 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 2024 zu einem Nettogewinn von 30 Millionen Dollar im Jahr 2025. Gleichzeitig stieg der operative Cashflow im Jahresvergleich um 16,1 %. Nettogewinne kann man bilanztechnisch „schönrechnen“. Den operativen Cashflow hingegen kann man nur schwer fälschen. Wenn beides in die gleiche Richtung zeigt, stimmt das Geschäftsmodell im Kern.
Was die SiC-Ausbeute verschleiert
Die gesamte These steht und fällt mit den Epitaxie-Ausbeuteraten. Coherents Wettbewerbsvorteil bei Hochspannungs-Komponenten für KI-Rechenzentren basiert auf ihrer Expertise bei der Abscheidung von Siliziumkarbid (SiC) – ein Prozess, bei dem kleinste Abweichungen in der Wafer-Gleichmäßigkeit ganze Produktionschargen ruinieren können. Die Nachfrage der Hyperscaler boomt. Aber Umsatz entsteht erst, wenn die Ware das Werk verlässt – nicht, wenn sie in der Warteschlange hängt.
Ein anhaltendes Ausbeuteproblem taucht nicht im Auftragsbuch auf. Es schlägt erst vier Quartale später zu, wenn der Umsatz trotz prall gefüllter Auftragsbücher die Prognosen verfehlt.
Die Kapitalstruktur erzählt eine positivere Geschichte. Coherent investierte im Geschäftsjahr 2025 laut Jahresbericht 441 Millionen Dollar in Sachanlagen, nach 347 Millionen Dollar im Jahr 2024. Bei einem Gesamtumsatz von 5,8 Milliarden Dollar entspricht das etwa 7,6 % – nahezu unverändert gegenüber den 7,4 % des Vorjahres. Die Investitionsintensität blieb stabil, obwohl der Umsatz um 1,1 Milliarden Dollar zulegte. Das zeugt von einem Unternehmen, das seine Kapazitäten im Einklang mit der Nachfrage ausbaut, statt panisch hinterherzulaufen.
F&E-Ausgaben: 582 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 2025, rund 10 % des Umsatzes.
Operativer Cashflow: 634 Millionen Dollar. Netto-Investitionen (Capex): 441 Millionen Dollar. Impliziter freier Cashflow: rund 193 Millionen Dollar – eine Kennzahl, die der Markt erst noch richtig einpreisen muss.
Freier Cashflow bedeutet hier: operativer Cashflow abzüglich der Investitionsausgaben. Also das Geld, das nach Instandhaltung und Kapazitätserweiterung übrig bleibt. Bei 193 Millionen Dollar Cashflow gegenüber einem Aktienkurs von 307,50 Dollar ist die Free-Cashflow-Rendite eher dünn. Aber die Richtung ist wichtiger als der absolute Wert. Vor zwölf Monaten schrieb Coherent noch rote Zahlen. Heute generiert das Unternehmen im großen Stil operativen Cashflow. Wenn der freie Cashflow auch nur halb so schnell wächst wie der operative Cashflow – sagen wir 8-10 % jährlich über die nächsten 12 Monate –, dann schrumpft die aktuelle Bewertung von selbst, ohne dass sich die Aktie bewegen muss. Cash-Generierung, die in den Preis hineinwächst. Das ist das Bull-Case-Szenario.
Das 40-Millionen-Dollar-Fenster entscheidet alles
Diese 193 Millionen Dollar verdienen unsere volle Aufmerksamkeit. Die Free-Cashflow-Rendite von Coherent liegt unter 1 % der aktuellen Marktkapitalisierung. Ein schmaler Puffer. Steigt der freie Cashflow um 10 % – was bei einer Verbesserung der Ausbeuteraten und einem margenstärkeren Produktmix in Richtung KI-Rechenzentren durchaus plausibel ist – dann ändert sich die Rechnung. Bei 212 Millionen Dollar beginnt das Geschäft, seine Premium-Bewertung zu verdienen. Fällt er jedoch um 10 % auf etwa 174 Millionen Dollar, wirkt das KGV bei jedem halbwegs realistischen Abzinsungssatz überdehnt. Die gesamte Bewertungstheorie bewegt sich in einem engen 40-Millionen-Dollar-Fenster.
Viel Spielraum für Fehler bei der Umsetzung bleibt da nicht.
In den nächsten 12 Monaten wird die Entwicklung der operativen Marge bei Coherent eher über die Richtung der Aktie entscheiden als das reine Umsatzwachstum – es sei denn, die Ausbeuteprobleme bei der Epitaxie treten zutage und erzwingen eine Korrektur der Umsatzprognose nach unten. Das Umsatzwachstum ist bereits eingepreist. Die konkrete Fähigkeit, den freien Cashflow zu skalieren, hingegen nicht. Was der Markt noch nicht verinnerlicht hat: Kann Coherent die Schere zwischen operativer Cash-Generierung und Reinvestitionen weiter öffnen? Nur dann ließe sich ein Kurs von über 300 Dollar fundamental begründen, statt nur durch Stimmungsmache.
Die Aktie notierte im Januar 2026 noch bei 185,20 Dollar. Mitte April knackte sie die 307,50-Dollar-Marke. Ein Anstieg von 66 % in drei Monaten. Das Kursziel von 300 Dollar von JP Morgan, das während dieses Laufs ausgegeben wurde, ist schon wieder überholt.
Die Verbesserung des operativen Cashflows von 546 Millionen auf 634 Millionen Dollar ist der Anker dieser gesamten These. Entweder dieser Wert wächst weiter, während die SiC-Fertigung skaliert, oder er stagniert, sobald Kapazitätsengpässe sichtbar werden. Das eine Ergebnis rechtfertigt das Festhalten an der Aktie trotz der hohen Bewertung. Das andere nicht.