Was passiert eigentlich, wenn ein Unternehmen fast ein Viertel seines Umsatzes auf eine Karte setzt, die der Markt noch gar nicht auf dem Schirm hat?
ServiceNow (NOW) ging am 31. März 2026 bei 104,97 $ aus dem Handel – laut Yahoo Finance gerade mal 7 % über dem 52-Wochen-Tief von 98 $. Seit dem 2. Januar 2026, als das Papier noch bei fast 153 $ notierte, hat die Aktie rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Das ist ein heftiger Absturz für ein Unternehmen, das seinen Jahresumsatz laut SEC-Unterlagen im Geschäftsjahr 2025 um 21 % auf 13,3 Milliarden $ gesteigert hat. Der Nasdaq hilft auch nicht gerade – der Index liegt etwa 11 % unter seinem 52-Wochen-Hoch – aber die Kompression der Multiples bei ServiceNow sitzt tiefer als nur ein allgemeiner Index-Sog. Der Markt bewertet Wachstumsaktien gerade flächendeckend neu, und ServiceNow ist voll ins Netz gegangen.
Die Frage, mit der man sich beschäftigen sollte, ist nicht, ob das Makro-Umfeld mies ist. Das ist es offensichtlich. Die Frage ist vielmehr: Übersieht der Markt, was ServiceNow da eigentlich gerade hochzieht, und was das für die anstehenden Zahlen zum ersten Quartal bedeutet?
Das F&E-Signal, das die meisten Analysten untergewichten
Das Verhältnis von Forschung und Entwicklung (F&E) zum Umsatz stieg laut SEC-Filings von 21,3 % im Geschäftsjahr 2024 auf 22,3 % im Jahr 2025. In absoluten Zahlen sind das stolze 2,96 Milliarden $. Im Bereich Enterprise-Software ist eine F&E-Intensität in dieser Größenordnung – und vor allem in dieser Dynamik – ein klares Signal. Das Unternehmen trimmt nicht auf kurzfristige Profitabilität. Es gibt Gas für etwas Größeres.
Die Capex-Quote (Investitionsausgaben zum Umsatz) erzählt die gleiche Geschichte aus einer anderen Perspektive: Anstieg von 7,8 % (2024) auf 8,5 % (2025). Das sind Infrastrukturausgaben – das Zeug, das man nicht in glitzernden Produktdemos sieht, das sich aber später in Rechenkapazität, Latenz-Benchmarks und der Fähigkeit bemerkbar macht, autonome KI-Agenten im Enterprise-Maßstab laufen zu lassen, ohne dass das System in die Knie geht.
Worauf sie hinarbeiten, ist „Agentic AI“ – also KI-Systeme, die nicht nur Fragen beantworten, sondern eigenständig Sequenzen von Handlungen in Unternehmensabläufen ausführen, ohne dass ein Mensch jeden einzelnen Schritt absegnen muss. ServiceNow hat Allianzen mit Zenity und Cohesity geschmiedet, um genau diese Agenten in Unternehmensumgebungen sicher zu machen. Dieses Detail ist wichtiger, als es die PR-Meldungen vermuten lassen. Der Flaschenhals für KI im Unternehmen ist derzeit nicht die Modell-Leistung. Es ist das Vertrauen. Security-Teams in regulierten Branchen – Finanzen, Gesundheitswesen, Behörden – werden keine autonomen KI-Agenten durchwinken, solange es keinen Audit-Trail, keine Sicherheitsbarrieren und niemanden gibt, der erklären kann, was der Agent warum getan hat. ServiceNow positioniert sich als genau der Problemlöser für dieses Vertrauensproblem.
Zusätzlich partnert man jetzt mit Workday, um Workflows für Mitarbeiter zu optimieren. Das klingt erst mal banal, ist aber genau das Terrain, auf dem Agentic AI den unmittelbarsten ROI liefert. HR-Prozesse, IT-Serviceanfragen, Beschaffungsfreigaben – das sind hochvolumige, regelbasierte Abläufe, die in Konzernen tausendfach am Tag durchgespielt werden. Die Automatisierung hier ist kein Experiment. Sie ist sofort messbar. Und genau hier liegt die kurzfristige Umsatzkonvertierung.
Der Graben zwischen Kurs und Überzeugung
Redburn hat ein Kursziel von 215 $ für die Aktie. Der Kurs steht bei 104,97 $. Das ist eine Lücke von rund 100 % zwischen dem, was eine Gruppe informierter Analysten glaubt, und dem, was an der Börse tatsächlich gehandelt wird. Der Markt widerspricht hier – und zwar lautstark.
Ein Teil dieses Widerspruchs ist berechtigt. Wenn die Bewertungsmultiplikatoren auf breiter Front schrumpfen, erwischt es Software-Titel mit hohen Multiples am härtesten und schnellsten. Das ist Mechanik. Dafür braucht man keine spezifische These zu ServiceNow. Aber es führt zu einer Situation, in der die Kursbewegung von Faktoren getrieben wird, die rein gar nichts damit zu tun haben, ob die Einführung von Agentic AI im Jahr 2026 Fahrt aufnimmt oder nicht.
Die Bilanz gibt dem Unternehmen den nötigen Spielraum, diese Dynamik auszusitzen. ServiceNow verfügte Ende 2025 über 10,1 Milliarden $ an liquiden Mitteln und marktgängigen Wertpapieren. Das ist kein Unternehmen, das auf Schönwetter an den Märkten angewiesen ist, um operativ zu liefern. Sie können den F&E-Zyklus finanzieren, den Infrastrukturausbau durchziehen und ein schwaches Makro-Quartal wegstecken, ohne die Strategie zu ändern. Diese Art von finanziellem Polster verhindert das Szenario von Zwangsverkäufen, das eine Investment-These oft in eine Falle verwandelt.
Analysten prognostizieren für das erste Quartal ein zweistelliges Gewinnwachstum. Wenn diese Zahlen geliefert werden und der Ausblick stabil bleibt, wird der Quartalsbericht zum Moment der Wahrheit: Spiegelt der aktuelle Kurs die Realität wider oder nur die miese Stimmung? Der Makro-Druck ist eingepreist; das Potenzial der Agentic-AI-Adoption hingegen kaum. Der Katalysator ist nicht die KI-Story an sich, sondern das Quartals-Event, das eine Versöhnung dieser beiden Welten erzwingt.
Es gibt eine Variable, die der Markt noch nicht wirklich auf der Rechnung hat, und sie ist ein zweischneidiges Schwert. Die gesamte Agentic-AI-These steht und fällt damit, dass Security-Teams den Agenten die Erlaubnis zum Handeln geben. Wenn sich die Sicherheits-Partnerschaften von ServiceNow in hochgradig regulierten Umgebungen als glaubwürdig erweisen, wird die Einführung schneller gehen, als es die Konsensmodelle vorsehen. Wenn nicht – falls etwa eine öffentlichkeitswirksame „Halluzination“ in einem regulierten Sektor eine Überreaktion der Aufufsichtsbehörden auslöst –, verschiebt sich die gesamte Adoptionskurve um 12 bis 18 Monate. Die schwächste Annahme im Bullen-Szenario ist, dass „Safe AI“ ein echtes Produkt ist und nicht nur ein Marketing-Sticker, der beim ersten Kontakt mit einem Regulator abfällt. ServiceNow wettet jährlich 2,96 Milliarden $, dass es real ist.
Das ist eine Wette, die man vor den Q1-Zahlen ernst nehmen sollte, nicht erst danach.
Der eigentliche Treppenwitz an der Sache: Unternehmen geben gerade Milliarden aus, um genau die Jobs der Leute zu automatisieren, die momentan darüber entscheiden müssen, ob sie Milliarden für Automatisierung ausgeben.